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Essstörungen bei Sportlerinnen und Anorexia athletica

Gerade in der letzten Zeit wurde durch den tragischen Todesfall des Ruderers Bahne Rabe oder durch medienwirksame Veröffentlichungen einiger betroffener erfolgreicher Topathlet/innen das Thema Essstörungen in Zusammenhang mit Leistungssport heftig in den Medien diskutiert.
Der Druck auf Athleten/innen, ihre Leistungsfähigkeit zu steigern, einer ästhetische Norm oder einer Gewichtsklasse zu entsprechen, führt immer häufiger zu Anstrengungen, ein unrealistisch niedriges Körpergewicht zu erreichen und zu behalten. Daraus resultieren Veränderungen im Essverhalten, wie z. B. gezügeltes Essen oder chronisches Diätieren (sog. subklinische Formen von Essstörungen). Im weiteren Verlauf können sich hieraus klinische Formen von Essstörungen entwickeln.

Essstörungen bei Sportlerinnen werden zum Symptomkomplex der Triade der sporttreibenden Frau gezählt.


Wird bei einer Sportlerin eine Essstörungen festgestellt, sollte immer nach dem Vorhandensein der anderen Symptome (Zyklusstörungen, Osteoporose) der Triade der sporttreibenden Frau gesucht werden


Es wurden von führenden Forschern auf diesem Gebiet Kriterien erarbeitet, die eine Anorexia athletica genauer beschreiben und charakterisieren sollen (3).

Kriterien der Anorexia athletica nach Pugliese (7) und Sundgot-Borgen (8)

Merkmal

Pugliese

Sundgot-Borgen

Gewichtsverlust mehr als 5% unter dem zu erwartenden Gewicht

(+)

+

Gewichtsverlust kann nicht durch organische Erkrankungen oder Störungen erklärt werden

+

+

verspätete Pubertät

(+)

(+)

Zyklusstörungen (primäre oder sek. Amenorrhö oder Oligomenorrhö)

-

(+)

Beschwerden des Gastrointestinaltrakts

-

+

Körperschemastörung

-

(+)

Angst, fettleibig zu werden

+

+

Nahrungsrestriktion <1200 kcal/Tag

+

+

Abführverhalten (purging)

-

(+)

Fressanfälle

-

(+)

Zwanghaftigkeit zu körperlicher Betätigung

-

(+)

Da das Vollbild einer klassischen Essstörung jedoch oft nicht vorliegt, sondern sich meist nur partielle Züge solcher Essstörungen zeigen, wurde für Sportler/innen der Begriff der “Anorexia athletica” eingeführt.

Der Begriff wurde von Smith(9) und Pugliese et al. (7) geprägt und soll verdeutlichen, dass diese Form der Essstörung ausschließlich sportinduziert ist.

Die Anorexia athletica ist keine psychiatrische Erkrankung. Der/ie Athlet/in behält die Kontrolle über sein/ihr Essverhalten und kann in Abhängigkeit von der Trainingsphase oder nach Beendigung der aktiven Laufbahn ihre Ernährung wieder umstellen und ein normales Gewicht erreichen.
Ob diese Forderungen nach einer selbst bestimmten Umstellung des Essverhaltens sowie die Zunahme an Körpergewicht nach Karriereende oder in Trainingspausen erfüllt wird, stellt sich jedoch bei vielen Sportlern/innen als äußerst fragwürdig dar.

Oft ergibt sich in der Anfangsphase der Gewichtsabnahme eine Leistungssteigerung, so dass sich ab einem gewissen Punkt die Essstörung verselbständigen kann. Es entstehen so genannte Übergangsformen zwischen Anorexia athletica und Anorexia nervosa, ggf. kombiniert mit bulimischen Zügen, da das Kontrollverhalten bei entsprechender Disposition – meist unbemerkt aufgrund der sportlichen Legitimation – in pathologische Formen entgleist.

Neben den Auffälligkeiten bei klinisch klar definierten Essstörungen sollte jedoch gerade im Sport auch auf andere Warnzeichen geachtet werden, da diese erste Anzeichen einer entstehenden Essstörung darstellen können. Hierzu zählen beispielsweise auffällige Essgewohnheiten, ausgiebiges Beschäftigen mit dem Essen, der Körperform und/oder dem Körperfettanteil.

Prävalenz

Sportlerinnen haben im Vergleich zu Sportlern oder zu Nichtsportler/Innen ein höheres Risiko, eine Essstörung zu entwickeln. Außerdem treten Essstörungen häufiger in den sog. Risikosportarten auf.

Über die prozentuale Häufigkeit des Vorkommens von Essstörungen im Sport gibt es in der Literatur keine gesicherten Erkenntnisse. Je nach Größe der untersuchten Stichprobe und Untersuchungsmethode ergaben sich recht unterschiedliche Angaben.

In einer Studie an universitären Sportclubs in den USA zeigten sich beispielsweise bei 20-40% der untersuchten Sportlerinnen pathologische Veränderungen ihres Essverhaltens. In den Risikosportarten ergaben sich sogar bei 50-70% der Athletinnen Ernährungsstörungen (5).

Prädisponierende Faktoren

Folgende Faktoren können die Entstehung einer Essstörung bei Sportler/innen begünstigen oder auslösen (6):

  • Beginn des Trainings vor der Menarche,
  • Psychisch belastende Ereignisse,
  • Kaloriendefizit,
  • Notwendigkeit zur Gewichtsabnahme und Gewichtsschwankungen und
  • bevorzugte Wahl einer Sportart durch Risikoperson.

Weitere Erklärungen zu prädisponierenden Faktoren finden sie hier.

Gesundheitliche Folgen

Wie bei den klinischen Formen können Essstörungen bei Sportler/innen schwerwiegende gesundheitliche Konsequenzen haben.

Neben den reversiblen, kurzfristigen Veränderungen des Organismus kann es bei Sportlerinnen mit Zyklusstörungen zu langfristigen chronischen Auswirkungen kommen. Dies beinhaltet vor allem die Folgen des Östrogenmangels, insbesondere eine Demineralisation der Knochen bis hin zur Manifestation einer Osteoporose.


Störungen im Essverhalten stellen gerade im Frauensport ein zunehmendes gesundheitliches Problem dar, welches frühzeitig unter Einbeziehung des gesamten Umfeldes der betroffenen Athletinnen erkannt und behandelt werden sollte.