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Anorexia nervosa

Kaum eine andere psychische Störung ist in den letzten Jahren so häufig in den Medien erwähnt worden wie die Anorexie. Immer wieder wird von "Berühmtheiten", insbesondere von Models oder Schauspielerinnen, aber zunehmend auch von Sportler/innen behauptet, sie seien magersüchtig.

Das Krankheitsbild der Anorexia nervosa ist erstmals bereits 1873 beschrieben worden. Diese Diagnose wird aber erst seit den 70er Jahren häufiger gestellt, wobei nicht eindeutig gesagt werden kann, ob die Krankheit in der heutigen Gesellschaft tatsächlich häufiger auftritt, oder ob die gestiegene Aufmerksamkeit dazu führt, dass die Krankheit häufiger diagnostiziert wird.

Wörtlich übersetzt bedeutet Anorexie "Appetitverlust oder -verminderung" - eine nicht korrekte Bezeichnung, da nicht unbedingt der Appetit fehlt, sondern eine Sucht nach Hunger entsteht. Der Zusatz "nervosa" weist auf die psychische Kausalität der Essstörung hin. Zentrales Motiv eines/r Anorektiker/in ist der Wunsch nach extremer Schlankheit und Selbstbestimmung.

Charakteristika der Anorexia nervosa (DSM-IV)(1)

  • Deutliches Untergewicht (mindestens 15% unter dem alters- und größenadäquaten Gewicht), d.h. das Körpergewicht wird absichtlich niedrig gehalten.
  • Irrationale Angst vor Gewichtszunahme oder Furcht vor dem Dickerwerden trotz vorhandenem Untergewicht.
  • Verzerrte Körperwahrnehmung hinsichtlich Größe, Form und Gewicht: unangemessene Selbstbewertung des Körpers und Verleugnung der Ernsthaftigkeit des zu niedrigen Körpergewichts.
  • Bei Frauen das Vorliegen einer sekundären Amenorrhö, d.h. das Ausbleiben von mindestens 3 aufeinander folgenden Menstruationszyklen.

Diagnose

Von einer Anorexia nervosa spricht man, wenn die Kriterien der Klassifikationssysteme DSM-IV oder ICD 10 vorliegen.

Definitionsgemäß gehört die sekundäre Amenorrhö zum Vollbild der Anorexia nervosa. Von einer primären Amenorrhö spricht man erst ab dem 16. Lebensjahr. Dennoch sollte bei Mädchen vor der Menarche, die alle Kriterien erfüllen mit Ausnahme der primären oder sekundären Amenorrhö, dennoch das Krankheitsbild Anorexia nervosa in Betracht gezogen werden.

Subtypen

Wichtig für die Diagnose und die Behandlung der Erkrankung ist die weitere Unterscheidung der Anorexia nervosa in Subtypen:

  • Restriktiver Typ: keine regelmäßigen Fressanfälle, kein Forcieren von Erbrechen, keine Medikamenteneinnahme
  • Bulimischer oder Purging Typ: regelmäßige Fressanfälle, regelmäßiges Erbrechen und Abführverhalten.

Bei einem Teil der Patientinnen kommt es zusätzlich zu einer übertriebenen sportlichen Aktivität, die mit einer allgemeinen körperlichen Hyperaktivität verbunden sein kann.

Medizinische Folgen

Das medizinische Hauptmerkmal der Anorexie ist das extreme Untergewicht durch die Mangelernährung. Zusammen mit dem Missbrauch von Medikamenten (z.B. Abführmittel) und häufigem Erbrechen treten schwerwiegende somatische Komplikationen auf .

Die starke Gewichtsabnahme führt ferner zu zahlreichen hormonellen Veränderungen auf verschiedenen endokrinen Ebenen. Betroffen sind die hypothalamo-hypophysär-gonadale,adrenale und thyreoidale Achse, aber auch zentralnervöse Mechanismen:

  • Amenorrhö;
  • Der Östrogenmangel in Kombination mit einer unzureichenden Ernährung führt zu einer Osteoporose, die sich bereits in jungen Jahren in Wirbelkörperbrüchen und Stressfrakturen manifestieren kann;
  • Vermehrte Sekretion von Stresshormonen (z.B. Cortisol);
  • Bei Männern treten Libido- und Potenzverlust auf.
  • Die Veränderungen auf thyreoidaler Ebene führen zu Veränderungen im Herz-Kreislaufsystem und Energiehaushalt. Folgen sind: Bradykardie, Hypotonie, Hypothermie und Akrozyanose.
  • Außerdem können brüchige Haare, trockene Haut und eine Lanugobehaarung als Folge der hormonellen Veränderungen auftreten.

Bei Mädchen und Jungen in der Pubertät kommt es zu einer verzögerten Entwicklung bis hin zu einem Wachstumsstopp. Bei Rückkehr zu einem normalen Essverhalten wird die pubertäre Entwicklung fortgesetzt.


Bei fortschreitender Erkrankung besteht akute Lebensgefahr.


Symptomatik

Ursachen und Symptomatik sind im Kapitel Ursachen von Essstörungen zusätzlich zu folgendem Text animiert dargestellt.

Veränderung im Essverhalten und Gewichtsverlust

Die Anorexie ist durch ein extrem gezügeltes Essverhalten gekennzeichnet.
 
Durch eine extreme Nahrungsreduktion und die gezielte Auswahl von Nahrungsmitteln mit sehr geringem Energiegehalt wird das niedrige Gewicht erreicht.

Kompensationsmechanismen

Kommen zum gezügelten Essen Fressanfälle hinzu, versuchen Anorektiker/innen ähnlich wie Bulimiker/innen, die erhöhte Kalorienaufnahme durch induziertes Erbrechen sowie Einnahme von Entwässerungstabletten und Abführmitteln zu kompensieren. Bei einem Teil der Patient/innen kommt es zusätzlich zu einer übertriebenen sportlichen Aktivität, die in eine allgemeine körperliche Hyperaktivität übergehen kann. Dies kann ein Grund dafür sein, weshalb im Leistungssport in einigen Sportarten eine erhöhte Inzidenz von Sportler/innen mit Essstörungen auftritt.

Körperschema-Störung

Anorektische Patienten/innen verfügen über eine gestörte Körperwahrnehmung. Sie können noch soviel Körpergewicht (im Durchschnitt 45-50%) verlieren, sie empfinden sich immer als "zu dick".

Psychische Veränderungen

Extremer Perfektionismus, Reizbarkeit bis hin zur depressiven Stimmung begleiten die Erkrankung.