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Infektionen

Vermeidung der Ursachen für Infektionen

Die beste Möglichkeit, eine Infektion zu vermeiden, ist, dem Übertragungsweg der Erreger zu verhindern. Angaben über eine vermehrte Exposition, z. B. durch häufigen engen Kontakt zu Erkrankten, unangemessene Verhaltensweisen wie das gemeinsame Benutzen von Trinkgefäßen,

unzureichende Bekleidung und Auskühlung nach Belastungen usw., ungünstige klimatische oder Umweltbedingungen insbesondere auf Lehrgangs-, Trainingslager- oder Wettkampffahrten, sollten Anlass geben, individuell eine bestmögliche Problemlösung herbeizuführen.

Diese kann einerseits eine allgemeine Aufklärung über die Entstehung, Übertragung und Folgen von Infektionen sein (GABRIEL 1994a) und andererseits eine konkrete sowie auf den einzelnen zugeschnittene Beratung hinsichtlich der Änderung ungünstiger Lebens- und Verhaltensweisen bedeuten. Dazu gehört auch eine eingehende Ernährungsberatung infektanfälliger Sportler, um einseitige und ungünstige Ernährungsformen zu erkennen und zu beseitigen. Dabei ist hinsichtlich einer bestehenden Infektanfälligkeit darauf zu achten, dass keine hypokalorische Kost (Turnkinder, Sportarten mit Gewichtsklassen) mit zu wenig hochwertigem Eiweiß bzw. Nahrungsmittel mit zu geringer Nährstoffdichte zugeführt werden. In problematischen Fällen kann es sinnvoll sein, während infektgefährdeter Jahreszeiten eine Substitution mit so genannten antioxidativ wirksamen Vitaminen (Pro-Vitamin A, Vitamin C und E) durchzuführen. Bei vollwertorientierter Ernährung mit ausreichender Energiezufuhr ist dies nicht zwingend notwendig. Deshalb kann eine generelle Substitution mit antioxidativ wirksamen Vitaminen für Sportler nicht empfohlen werden. Innerhalb der Mineralstoffe besitzt das Eisen wegen der guten Feststellbarkeit eines Eisenmangels und der klinischen Relevanz eine Sonderrolle. Ausdauerathletinnen, insbesondere im jugendlichen oder Heranwachsendenalter sind am ehesten gefährdet, einen manifesten Eisenmangel zu entwickeln (HAYMES 1989). Eine entsprechende Laboruntersuchung ist in regelmäßigen Abständen, mindestens einmal jährlich, aus präventiven Gründen notwendig. Eine Gesamtzufuhr von Spurenelementen, insbesondere der für die Immunabwehr wichtigen Spurenelemente wie Selen, Zink und Kupfer, die sich im Rahmen der Ernährungsempfehlungen der deutschen oder amerikanischen Gesellschaft für Ernährung bewegt, ist wohl als unbedenklich anzusehen (DGE 1997). Es liegt nahe, bei einer offensichtlichen Infektanfälligkeit nach einer gründlichen Ausschlussuntersuchung und der Beseitigung eventueller Ursachen auch nach Mitteln zu suchen, die die Infektabwehr stärken können. Dabei wäre eine gezielte Stärkung der Immunität erwünscht. Im Allgemeinen ist die gezielteste Maßnahme zur Förderung der Immunität die aktive Schutzimpfung . Deshalb gehört zu jeder präventiv orientierten Beratung des Sportlers wie des Nicht-Sportlers die Überprüfung des Impfstatus nach den allgemein gültigen Kriterien. Bei Auslandsreisen sind die speziellen Infektionsgefährdungen einschließlich notwendiger Impfungen im Vorfeld abzuklären. Hier ist auch, obwohl es sich nicht um eine Impfung handelt, die Malaria-Prophylaxe einzubeziehen.

Generell ist die aktive Schutzimpfung der passiven Immunisierung durch Gabe von Immunglobulinen vorzuziehen. Die sinnvolle Gabe von Gammaglobulinen
 im Rahmen einer Infektanfälligkeit beschränkt sich auf die Substitution bei labormäßig nachgewiesener Hypogammaglobulinämie für die gesamten Immunglobuline G oder deren Subklassen. Die so genannten Immunstimulanzien finden zunehmende Verbreitung, sind jedoch hinsichtlich ihrer Wirksamkeit bei der Infektanfälligkeit von Sportlern keineswegs unumstritten. Es fehlen harte wissenschaftliche Daten, die die Wirksamkeit dieser pflanzlichen, synthetischen oder aus Bakterienstücken zusammengesetzten Präparate nachweisen. Demgegenüber wird immer wieder von Heilungserfolgen oder wirksamer Vorbeugung in Einzelfällen berichtet. Dieses kann jedoch nicht Grundlage für eine generelle Empfehlung zur Einnahme von Immunstimulanzien sein. Selbst im Einzelfall sollte gut überlegt werden, ob andere Maßnahmen nicht spezifischer und Erfolg versprechender sind. Stets sind dabei der Nutzen und das Risiko in besonderem Maße vom Arzt abzuwägen.(11)

Der Infektionsherd als Ursache einer Infektanfälligkeit

Neben Allergien können Infektionsherde eine Ursache für die Infektanfälligkeit von Sportlern sein. Die Suche nach Infektionsherden im Bereich der Zähne oder der oberen Luftwege sind in der sportmedizinischen Praxis eine immer wiederkehrende Aufgabe. Neben offenen und sichtbaren Eintrittspforten sind andere infektiöse Ursachen im Bereich der Zähne durch zahnärztliche Untersuchungen abzuklären. Dabei erscheint die röntgenologische Untersuchung aller Zähne umso dringlicher, desto sicherer der klinische Verdacht auf einen Infektionsherd besteht und andere Ursachen ausgeschlossen sind. Neben Entzündungen der Nasennebenhöhlen, die häufig ebenfalls nur durch fachärztliche Untersuchungen diagnostiziert werden können, stellt die chronische Mandelentzündung mit krankhaftem eitrigen Ausfluss und Lymphknotenschwellungen im
 Unterkieferbereich eine relativ häufige Ursache für Infektionsherde dar. Dabei ist besonderes Augenmerk auf mögliche organbezogene Folgeerkrankungen (Mitbeteiligung von Herz, Nieren, Leber, Milz) zu richten, um für den Betroffenen u. U. lebenswichtige Diagnosen wie Herzmuskelentzündungen, Leberschädigungen, Milzvergrößerung, organbezogene Abszesse u. a. m. zu stellen und der gezielten Therapie zuzuführen und das nicht erst unter dem Eindruck des plötzlichen Todes von Leistungssportlern im Zusammenhang mit Herzmuskelentzündungen.

Sport bei Infektionen

Besondere Verantwortung obliegt dem betreuenden Arzt, aber auch den Athleten selbst und seinen Trainern, bei der Entscheidung über die Art und den Umfang der körperlichen Belastung während akuter Infektionen. Die gesundheitlichen Gefahren, v. a. einer Mitbeteiligung des Herzens auch bei scheinbar banalen Infektionen, dürfen nicht unterschätzt werden.
 In diesem Bereich hat die Prävention einen besonderen Stellenwert.

Das Nichtbeachten einer notwendigen körperlichen Schonung kann neben der Beteiligung innerer Organe, v. a. des Herzmuskels, auch ein Übertrainingssyndrom induzieren. Dieses kann, abhängig von Schweregrad und Dauer, eine wochen- bis monatelange eingeschränkte körperliche Leistungsfähigkeit zur Folge haben. Fieber, Schüttelfrost, schmerzhaft geschwollene Lymphknoten, ausgeprägte Allgemeinsymptome, erkennbare Infektionsherde (z. B. vereiterte Mandeln) und auftretende Herzrhythmusstörungen bei Infekten sollten die besondere Aufmerksamkeit auf die Entscheidung lenken, ob und in welchem Maß eine körperliche Belastung durchgeführt werden sollte. Erst nach dem ärztlichen Einverständnis darf wieder trainiert werden! In wenigen erfahrenen und entsprechend apparativ ausgestatteten sportmedizinischen Zentren sind infektbegleitende immunologische Untersuchungen möglich, um den richtigen Zeitpunkt für Trainingsreduktion zu finden und die Entscheidung zur Rückkehr in den normalen Trainings- und Wettkampfprozess zu ermöglichen. Eine goldene Regel für die richtige Dosis der körperlichen Aktivität existiert nicht, da zu viele individuelle Unterschiede bestehen. Zu beachten ist jedoch: Wenn bei einem akuten Infekt dem Organismus keine ausreichende Regeneration zugestanden wird, nimmt er sich die ihm zustehende Pause zwangsläufig von allein!

Zusammenfassung

Der wohl neueste wissenschaftlich publizierte Ansatz, die immunologische Entzündungsreaktion und auch das „open window“ günstig zu beeinflussen, ist die Substitution mit Kohlenhydraten. Aus der Sicht des Stoffwechsels ist dies keine neue Maßnahme. Bei 2,5stündigen Dauerläufen wurden im Placebovergleich Botenstoffe wie Interleukin-6, dem eine zentrale Rolle bei der akuten Entzündungsreaktion zukommt, nach Substitution mit einem 6prozentigen Kohlenhydratgetränk deutlich gemindert (NIEMANN 1998a, b). Scheinbar können auch Funktionen von Immunzellen günstig verändert werden, womit sich die Frage stellt, wie eine Substitution mit welchen Kohlenhydraten aussehen müsste, um das „open window“ nach körperlichen Belastungen zu schließen. Ob dazu auch andere Substrate wie Fett- oder Aminosäuren beitragen können, wird entsprechenden Studien in den nächsten Jahren zur Beantwortung überlassen werden müssen. Generell ist anzumerken, dass das „open window“ nicht zwangsläufig zu vermehrten Infekten führt. Bei Berücksichtigung der notwendigen Regenerationszeiten und entsprechender Gestaltung nachfolgender Trainingseinheiten resultiert keine vermehrte Infektanfälligkeit.

Sport ohne Krankheit

(8, 19, 20, 29)