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Psychosomatische Erkrankungen

Unter diesem Begriff werden alle Krankheitsbilder zusammengefasst, bei denen sich psychische Störungen auch auf die organische Ebene auswirken.

So sind Asthma bronchiale und essentielle Hypertonie, aber auch Magengeschwür und Darmkrankheiten wie Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn hier beispielhaft zu nennen.
Auch Essstörungen, Herzneurose und funktionelle Herzstörungen gehören zu diesem Bereich.
Entsprechend muss also nicht nur auf körperlicher Ebene, sondern vor allem die psychische Ursache behandelt werden.
Auch hier kommt der Sport- und Bewegungstherapie im therapeutischen Gesamtkonzept ein hoher Stellenwert zu.
Ein Patient z.B. mit Herzneurose, bei dem eine organische Erkrankung ausgeschlossen wurde, lernt besser mit seiner Krankheit umzugehen, wenn er - in der Bewegung - spürt, wie viel sein Herz zu leisten vermag.

Essstörungen

Essstörungen, insbesondere Anorexia nervosa und Bulimie, zählen ebenfalls zu den psychosomatischen Erkrankungen.
Auch Adipositas (Fettsucht) gilt als eine Form der Essstörungen und steht in engem Zusammenhang mit den Herz-Kreislauferkrankungen (siehe Kardiovaskuläre Risikofaktoren).

Die Grenze zwischen den Krankheitsbildern Anorexia nervosa und Bulimie ist fließend. Es besteht bei den Betroffenen (in den meisten Fällen Frauen) eine offensichtliche Diskrepanz zwischen dem tatsächlichen körperlichen Erscheinungsbild und dem körperlichen Erleben. Die häufig zusätzlich zu beobachtende Hyperaktivität wirkt hier aufgrund des erhöhten Kalorienverbrauchs eher krankheitsverstärkend.

Bei der Bulimie konkurriert der Wunsch nach Gewichtsreduktion mit dem verstärkten Verlangen nach Nahrungsaufnahme. Man spricht auch von der Ess-Brech-Krankheit, bei der in kurzer Zeit sehr viel, meist hochkalorische Nahrung aufgenommen und dann durch ein selbst ausgelöstes Erbrechen wieder abgegeben wird.

Hieraus können vielfältige körperliche Beschwerden und Erkrankungen resultieren. Das Körpergewicht liegt in der Regel im Normbereich.

Die Patienten haben ausgeprägte Ängste vor Gewichtszunahme und Kontrollverlust. Sie reagieren sehr stark auf externe Bewertungen und entwickeln gleichzeitig einen ausgeprägten Perfektionismus. Die Ursachen sind meistens tiefgreifende Selbstwert- und Identitätsprobleme. Erschwerend für therapeutische Bemühungen ist die starke Tendenz zur Verleugnung der Krankheit.

Die Anorexia nervosa betrifft in der Regel jüngere Frauen und ist durch einen willentlichen Gewichtsverlust von mindestens 25% des ursprünglich normalen Körpergewichtes ohne organische Ursachen charakterisiert (BMI < 17,5).


Die Nahrungszufuhr bzw. die -verwertung wird massiv begrenzt oder nahezu gänzlich verwehrt.


Allerdings sind auch hier Heißhungerattacken mit später induziertem Erbrechen oder Abführmittelmissbrauch möglich.

Anorexie

Die Gewichtsreduktion wird häufig durch intensive körperliche Aktivität verstärkt.
Durch den nicht seltenen resultierenden Flüssigkeits- und Elektrolytmangel können lebensbedrohliche Situationen entstehen!

Sport- und Bewegungstherapie

Die zentrale Komponente innerhalb der Bewegungstherapie ist der Bereich der Körperwahrnehmung - ein komplexer Prozess, der perzeptiv-kognitive und subjektiv-phänomenale Aspekte umfasst (24):

  • Erfahren der Körperdimensionen
  • Muskelanspannung, -entspannung, Haltung
  • Koordinative Aspekte (u. a. Gleichgewichts- und Reaktionsvermögen)
  • Fortbewegung (u. a. Geschwindigkeitsempfinden)
  • Umgang mit körperbezogenen Empfindungen (z.B. Freude, Glück, Lust, Wut, Ärger).

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Akzeptieren des eigenen Körpers bzw. der weiblichen Attribute und Geschlechtsmerkmale und keine weitere Schädigung. Hierzu werden beispielsweise (Partner-)Massagen, Bewegung im Wasser, Tanz- und Entspannungstraining empfohlen.
Zur Kontrolle der Hyperaktivität und einem erhöhten Aktivierungsniveau eignen sich vielfältige Bewegungstätigkeiten mit bewusstem Wechsel von An- und Entspannung, insbesondere kurzzeitige intensive auf Entladung zentrierte körperliche Aktivität.


Da sich Mangelernährung und Hyperaktivität gegenseitig verstärken können, sollte ein dauerhaftes Training mit hoher Intensität vermieden werden.


Wie auch schon bei anderen psychischen Erkrankungen erwähnt, spielt auch hier die durch gruppendynamische Bewegungs- und Spielformen stimulierte soziale Interaktion eine bedeutsame Rolle.

Interaktives Bewegungstraining

Einige Konzepte versuchen psychotherapeutisch relevante Themen wie

  • Vertrauen - Misstrauen,
  • Nähe - Distanz oder
  • Verantwortung - Einordnung

auf der Bewegungsebene erlebbar und transparent zu machen (50).

Anorexie stellt auch bei Sportlern, speziell Leistungssportlern ein nicht seltenes Problem dar (33). Viele Sportlerinnen, z.B. Turnerinnen, müssen bzw. dürfen nur ein bestimmtes Gewicht besitzen, sei es als Leistungsvoraussetzung oder aus ästhetischen Gründen.


Die Prävalenz von Essstörungen unter Sportlerinnen wird mit bis zu 40% angeben (48).


Auch bei dieser sog. Anorexie Athletica kann die Symptomatik von Amenorrhoe, über Osteoporose bis hin zu lebensbedrohlichen Erscheinungen aufgrund der Mangelernährung reichen. Empfohlen wird in diesem Fall:

  • Senkung des Trainingsumfangs um 10-20%
  • Allmähliche Steigerung der Energieaufnahme (zusätzlich ca. 300 Kcal pro Tag)
  • Gewichtszunahme um 2-3% des gegenwärtigen Körpergewichtes
  • Gesteigerte Kalziumzufuhr (ca. 1500 mg pro Tag)
  • Krafttraining (Leistungssteigerung, verbesserter Knochenstoffwechsel)